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Zeitzeugen im Gespräch 2018

ddr

Mit Handgranaten in der Turnstunde: Ein Zeitzeuge der DDR-Geschichte zu Gast in der OBS am Sonnensee

Am 16. Januar 2018 besuchte Thomas Raufeisen die Oberschule am Sonnensee und stellte dort auf anschauliche Weise sein bewegendes Leben als Jugendlicher in der DDR dar. (auch NOZ von 18.01.18)

Dabei verlebte er selbst seine Kindheit und Jugend zunächst im westdeutschen Hannover. Sein Vater Armin Raufeisen war dort bei der Preussag angestellt. Allerdings war dies nur eine Tarnung, denn der überzeugte Kommunist arbeitete bereits seit 1956 als „Kundschafter des Friedens“ – kurz: als Spion – für die Staatssicherheit der DDR. Als 1979 seine Enttarnung drohte, lud Vater Raufeisen seine Frau und seine beiden Söhne am 22. Januar kurzentschlossen in den Wagen und fuhr mit ihnen über die Grenze der DDR.

Zunächst nahm seine Familie an, dass es zu dem schwer erkrankten Großvater nach Usedom gehen sollte und sie deswegen auch nicht allzu lange auf eine Einreisegenehmigung hatten warten müssen. Erst am Ziel klärte der Vater sie darüber auf, dass sie ihr Leben fortan in der DDR führen würden. Der 16-Jährige Thomas Raufeisen fiel aus allen Wolken und wollte wieder zurück in den Westen. Sein zwei Jahre älterer Bruder Michael hatte das Glück, dass er als Volljähriger selbst entscheiden konnte, was er wollte. Es dauerte noch bis Ende des Jahres, bis er in die Bundesrepublik zurückkehren konnte, nicht ohne dass die Stasi wiederholt versucht hatte, ihn zum Bleiben zu bewegen. Für Thomas eine himmelschreiende Ungerechtigkeit: Er wollte auch zurück! Aber sein Vater hatte für ihn den Antrag zur DDR-Staatsbürgerschaft unterzeichnet. Später fand Thomas heraus, dass seine Zustimmung laut geltendem DDR-Recht dafür erforderlich gewesen wäre. Er war aber gar nicht gefragt worden. Stattdessen blieb er nun allein mit seinen Eltern in der DDR zurück und musste hier in Berlin zur Schule gehen. Aus ihrer Wohnung hatten sie einen direkten Blick auf die Mauer zwischen den beiden Teilen der Stadt: Dem west- und dem ostdeutschen. Auf der westdeutschen Seite befand sich in Sichtweite eine Plattform, von der aus Touristen in die DDR schauen konnten. Thomas schwor sich, irgendwann dort selbst zu stehen und in den Osten zu blicken. Und dies hat er auch umgesetzt, wie er anhand von zwei Fotos verdeutlichte.

Die Schule, in die er in Ostberlin geschickt wurde, hatte laut Thomas Raufeisen 34 Jahre nach Kriegsende immer noch Einschusslöcher und von einem Bombenangriff aus der Kriegszeit noch ein Loch in der Decke. Im Sportunterricht wurde der Weitwurf mit Handgranaten geübt, die natürlich nicht mehr scharf waren. Morgens und zu Beginn jeder weiteren Stunde begrüßte der Klassensprecher, der zugleich der FDJ angehörte, im Namen der Klasse die jeweilige Lehrkraft und meldete ihr, wer alles fehlte. Erst danach begann der Unterricht, der durch die sozialistische Prägung sich erheblich von dem unterschied, den Thomas in Seelze (bei Hannover) besucht hatte. Er kam mit der Angepasstheit seiner Mitschüler nicht klar und schaffte es auch nicht, innerhalb seiner Klasse Kontakte aufzubauen, da er als Sohn eines Spions und als jemand, der vom Westen in den Osten gekommen war, keine Vertrauensbasis zu jenen aufbauen konnte, mit denen er seine Einstellung hätte teilen können. Er ging schließlich von der Schule ab und begann eine Lehre als Automechaniker. Autos hatte er immer gern gemocht und dachte, dass er so etwas Praktisches lernen könnte. Er wurde jedoch in eine Lehrstelle vermittelt, die vor allem Lastwagen produzierte, keine Autos. Sein Vater merkte, dass das Leben in der DDR nicht das war, was seine Frau und sein Sohn wollten und schließlich versuchte die Familie, einen Weg zurück in den Westen zu finden. Thomas Raufeisen schilderte, dass sie zwei Versuche unternahmen, zu fliehen: So nahmen sie bei einem Urlaub in Budapest Kontakt zur dortigen westdeutschen Botschaft auf und schließlich auch zum amerikanischen Geheimdienst. Diese Versuche blieben beim Geheimdienst der DDR nicht unbemerkt und schließlich wurden Thomas Raufeisen, seine Mutter und sein Vater verhaftet. Sein Vater Armin Raufeisen wurde als „Verräter“ zu lebenslanger Haft verurteilt und verstarb unter undurchsichtigen Umständen im Gefängnis. Seine Mutter erhielt sieben Jahre und der von Stasi-Chef Erich Mielke persönlich unterzeichnete Haftbeschluss von Thomas Raufeisen lautete auf drei Jahre. Thomas Raufeisen verarbeitete diese Erlebnisse, die durch den Verrat seines Vaters an der Familie geprägt waren, in dem Buch „Ich wurde in die DDR entführt. Von meinem Vater. Er war Spion.“

Ermöglicht wurde sein Vortrag dankenswerter Weise durch die VHS der Stadt Osnabrück sowie die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur. Den Schülern wurde so ein Zeitzeuge der deutsch-deutschen Geschichte zugänglich gemacht, dessen Leben sie anhand der Bilder und der Erzählungen von Thomas Raufeisen gut nachvollziehen konnten – vielleicht auch weil sie auf ihrer Berlinfahrt zu Beginn dieses Schuljahres unter anderem das ehemalige Stasi-Untersuchungsgefängnis Hohenschönhausen besichtigt haben, den Ort, an dem Thomas Raufeisen in der Zelle 318 inhaftiert war, bevor er in das Stasi-Gefängnis Bautzen II gebracht wurde.

Sylvia Krümpelmann

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