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Erna de Vries erzählt aus ihrem Leben

EdF 2015 013Sie hat als Jüdin in jungen Jahres Schreckliches erlebt im nationalsozialistischen Deutschland. Warum lässt die 92jährige Erna de Vries immer wieder das erlebte Leid Revue passieren?

Weil es der Auftrag ihrer Mutter ist, die zum Abschied auf der Lagerstraße im Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau sagte: „Du wirst überleben und erzählen, was man mit uns gemacht hat.“

Die Mutter von Erna de Vries überlebte nicht, während ihre Tochter Erna den Auftrag ihrer Mutter noch mit 92 Jahren erfüllt.
Erna de Vries hatte eine unbeschwerte Kindheit in Kaiserslautern bis zum Tod des Vaters 1930. Als die Nationalsozialisten 1933 die Macht übernommen hatten, begannen die Demütigungen für Erna de Vries und ihre Familie. Der Begriff Jude wurde nun vom Kind bis zum Greis als Schimpfwort verwendet und das hat auch Erna de Vries erfahren. 1935 musste die Mutter den Betrieb des Vaters aufgeben und die beiden lebten von den Ersparnissen der Familie. Im November 1938 wurde ihr Heim im Rahmen der Ausschreitungen der Pogromnacht verwüstet. Mutter und Tochter wurden der Stadt verwiesen, die nun für „judenfrei“ erklärt wurde. Sie flohen zu Verwandten nach Köln. Die Mutter kehrte nach einiger Zeit nach Kaiserslautern zurück. Ihre Tochter folgte ihr später.
Erna de Vries wollte gern Ärztin werden, weil ihr das Helfen und Heilen wichtig war. Die Umstände erlaubten ihr diesen Berufswunsch nicht. Deswegen begann sie eine Ausbildung als Krankenschwester im jüdischen Krankenhaus in Köln. Doch auch diese Ausbildung konnte sie nicht beenden, weil das Krankenhaus geschlossen wurde. Die Mitarbeiter wurden deportiert und Erna befand sich zu diesem Zeitpunkt in Kaiserlautern bei ihrer Mutter. So entging sie zunächst ihrer Deportation. In Kaiserlautern suchte sie sich eine Arbeit in der Nähe ihres Hauses, denn sie wollte ihre Mutter nicht allein lassen und als die Geheime Staatspolizei im Jahr 1943 ihre Mutter zur Deportation abholen wollte, begleitete Erna ihre Mutter. Sie war noch nicht vorgesehen für den Transport, aber sie setzte sich durch und Mutter und Tochter traten ihn gemeinsam an.
Vom Gefängnis in Saarbrücken aus wurden sie per Zug über sieben Tage nach Auschwitz-Birkenau transportiert. Sie überlebten den Transport und wurden in das Frauenlager eingewiesen. Die Einweisung erfolgte so, dass man ihnen alles nahm, was ihre Persönlichkeit ausmachte:
- Den Namen, denn eine Nummer wurde auf den Arm einer jeden gebrannt.
- Die Haare wurden geschoren.
- Die Kleidung musste abgegeben werden wie auch die Koffer mit ihren persönlichen Sachen.
Insgesamt: Eine weitere Stufe der Entmenschlichung. Die Häftlingskleidung und die Nummer auf dem Arm bestimmten das Äußere. Die Arbeit, zu der sie herangezogen wurden, war schwer und führte dazu, dass sie todkrank wurden. Der Lageralltag war von Hunger, Not und Tod gekennzeichnet.
Als Erna de Vries im Rahmen einer „Selektion“ in den Todesblock musste, schien ihr Schicksal besiegelt. Sie sollte vergast werden. Sie war entkräftet, krank, einsam und hatte nur noch einen Wunsch: Sie wollte noch einmal die Sonne sehen. Das gelang ihr im Vorhof des Todesblocks. Sie hörte, dass ihre Nummer aufgerufen wurde, und es gelang ihr, sich zu melden. Sie sollte den Todesblock verlassen und in das KZ Ravensbrück überführt werden. Damit war sie vorerst gerettet. Zugleich wurde sie damit von ihrer Mutter getrennt. Im KZ Ravensbrück hat sie erfahren, dass ihre Mutter in Auschwitz-Birkenau umgekommen war. Erna de Vries hat bis heute die Umstände des Todes ihrer Mutter nicht erfahren, aber der Tod ihrer Mutter machte sie einsam. Dennoch fand sie Freundinnen in Ravensbrück und arbeitete dort für die Firma Siemens. Dadurch gewann sie Zeit und überlebte.
Am Ende wurden die Häftlinge auf die sogenannten Todesmärsche geschickt. Die Rote Armee rückte vor und die Häftlinge sollten nach Nordwesten gehen. Erna de Vries und ihre Freundinnen mussten sich auch einreihen. Es war Winter. Hunger, Kälte und der Tod waren ihre Wegbegleiter. Dank ihrer Freundinnen gelang es Erna de Vries nicht aufzugeben bis amerikanische Truppen die Häftlinge erreichten und befreiten.

Erna de Vries überlebte, wurde medizinisch versorgt und hat in Köln Verwandte wiedergefunden. Sie hat im Jahr 1947 geheiratet und konnte mit Josef de Vries eine Familie gründen. Josef de Vries hatte seine erste Familie im Konzentrationslager verloren. Die gemeinsame Lagererfahrung war für die Eheleute wichtig, um gemeinsam diese schrecklichen Erlebnisse zu verarbeiten. Sie haben in die Zukunft geschaut und so konnte Erna de Vries von ihren Kindern und Enkeln erzählen. Ein Sohn hat ihren Berufswunsch zu seinem gemacht. Er ist Arzt geworden. Andere Familienmitglieder sind ebenfalls im Bereich Gesundheit beruflich tätig.
Erna de Vries erinnert sich bis heute täglich an ihre Zeit im Lager. Diese Ereignisse waren so prägend, dass Erna de Vries sie nicht vergessen kann. Auf Nachfrage hat sie jedem Schüler die Nummer auf ihrem Arm gezeigt.
Gez. Anke Schröder

zum Artikel in der NOZ vom 08.11.15 ...

einige Schülerkommentare...

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